Erziehung vs adhs

Tratschen und Smalltalk. Wie es uns so geht im Alltag und so weiter ...

Erziehung vs adhs

Beitragvon Bine » Fr 25. Sep 2015, 18:12

Hallo, hab mich zwar schon vorgestellt, mein 4,5 jährigen Sohn hat wahrscheinlich adhs.
Ich wollt euch mal so einiges Fragen womit ich im Moment einfach nicht mehr weiter weiß.
Wie geht ihr mit zornanfällen um?
Im Alltag sind wir bis jetzt immer gut mit ihm klargekommen, die Diagnose ist auch noch ausständig bzw war sie nicht eindeutig. Bin mir auch ganz und gar nicht sicher ob ich die Diagnose überhaupt haben möchte, ohne bleibt mir irgendwo ein wenig Hoffnung dass sich die Situation noch bessern könnte! Geht es euch auch so. Vieles ließ sich schon durch Erziehung
Gut hinkriegen und wären die trotzanfälle bzw Zorn nicht, dann würde ich es als nicht so schlimm empfinden.
Habt ihr eine Ahnung wieso die zirnanfälle erst jetzt hinzugekommen sind?
Liegt das an der trotzphase, wie lange wird diese andauern?
Oder muss ich davon ausgehen dass das so bleibt?
Er schlägt, beißt sogar die Oma, er kann seinen Zorn überhaupt gar nicht selbstregulieren.
Kinder einladen ist unmöglich bzw nur solange es bei uns zuhause stattfindet. Geht er wohin tauchen die problem allerdings nicht auf und auch am Spielplatz ist alles in bester Ordnung. Nur Zuhause und wenn es um seine Spielsachen geht. Denkt ihr das ist ein völlig normales Verhalten für einen 4,5 jährigeb oder typische adhs Symptome, wie gesagt er schlägt beißt, tritt dreht völlig durch.Sein Papa hat vermutlich adhs, ich bin mit zum Teil sehr unsicher ob man dieses Verhalten Strafen soll weil er genau weiß was Sache ist oder er durch die mögliche adhs einfach so ist wie er ist?
Wie kommt man bei der ganzen adhs Sache überhaupt zu irgendeinem brauchbaren Schluss?
Kann nicht mehr unterscheiden was adhs und was Absicht ist?
Ich hoffe ihr wisst vielleicht einen Rat?
Lg bine
Bine
 
Beiträge: 5
Registriert: Sa 12. Sep 2015, 18:44

Re: Erziehung vs adhs

Beitragvon Bippos Papi » So 27. Sep 2015, 20:11

Hallo Bine,

ja ich weiß, es ist nicht einfach. Man ist ja versucht, irgendwann alles der Diagnose zuzuschieben, aber die Kinder sind ja nun mal Kinder, und da gehört Trotz dazu. Es ist mir schon ein paar Mal passiert, dass ich von den Eskapaden meines Sohns erzählt habe und lernen musste, dass sich andere, neurotypische Kinder noch viel "schlimmer" verhalten haben. Kratzen, beißen, schlagen gehört da durchaus dazu.
Aber: Egal welche Diagnose es ist, bei einer Wahrnehmungsverarbeitungsstörung musst du dir immer vor Augen halten, dass dein Kind die Welt anders wahrnimmt. Es gibt keine Reizfilter, wie wir sie haben, und wenn, dann sind sie ganz schwach. Da kommt es in alltäglichen Situationen zu einer Überreizung, die sich auch zu einer Panik auswachsen kann. Es gibt auch niemanden, der als Vorbild wirken kann. Was tue ich, wenn mich die Umwelt quält? Wie reagiere ich da richtig? Warum ist es allen anderen egal, welche Kakophonie um mich herum ist?
Bei der Wahrnehmungsverarbeitungsstörung tritt auch eine Zeitverzögerung auf. Bei unserem Sohn kann es passieren, dass er den ganzen Tag gefasst ist, und am Abend, wenn eigentlich alles wieder wie gewohnt ist, platzt es dann aus ihm heraus. Ein bis zwei Stunden Verzögerung können schon mal sein, auch mehr.

Die Spielsachen sind dann vielleicht auch nur der Auslöser, aber eines ist wichtig: Immer die Ursachen erforschen. So ein heftiger Zornausbruch kommt nicht von selber. Es gibt immer einen oder mehrere Gründe, die sich im Lauf der Zeit aufstauen und dann auf einmal losbrechen. Nur sind das Gründe, die wir in unserer Empfindungswelt nicht als solche sehen, "Kleinigkeiten" sozusagen.

Eine Zeit lang haben wir mit "Social Stories" gearbeitet. Wenn das Kind ruhig ist und besonnen, dann geht man mit ihm Schritt für Schritt durch, wie es sich in einer Stresssituation verhalten soll: Beißen ist nicht ok, aber Ärgern darf man sich schon, und das auch sagen und einem Erwachsenen erzählen; - oder so ähnlich. Da gibt es klare Anweisungen, was so eine Social Story enthalten muss.

Nochwas: Die herkömmlichen Erziehungsbücher kannst du alle in den Schrank stellen, verschenken oder sonst was damit machen, verwenden kannst du sie nicht. Kinder wie die unseren ticken einfach anders, das kann sich der 08/15 Erziehungsratgeber gar nicht vorstellen. Und Strafen vergiss gleich schnell: Die helfen erstens gar nichts und zweitens verschlimmern sie die Situation nur.

Wünsche dir viel Kraft!

Lg Peter
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Bippo (2005)
Benutzeravatar
Bippos Papi
 
Beiträge: 1235
Registriert: Mi 20. Okt 2010, 20:12
Wohnort: Wien

Re: Erziehung vs adhs

Beitragvon Libelle » So 27. Sep 2015, 20:22

Hallo Bine, alles was Du schreibst, kommt mir sehr bekannt vor. Leider gibt es keine Rezepte, denn jedes Kind so anders ist.
Prinzipiell helfen gute Strukturen den Alltag zu bewältigen. Bei unseren Kindern sind die Wutausbrüche besonders intensiv, auch die Trotzanfälle sind nicht ohne. .. Allerdings wird es nach dem sechsten Lebensjahr besser.
Im Idealfall kann man die Vorboten eines Zornausbruchs erkennen und versuchen rechtzeitig abzulenken, bevor es zur Eskalation kommt. Kennst Du die "social stories"? Wir haben damit einiges erreicht, die sind eine tolle Möglichkeit, unangenehme Situationen zu verarbeiten und wirken.
Von Strafen halte ich nicht viel, sie können die Situation noch verschlimmern, man sollte aber als Eltern konsequent bei den Entscheidungen sein, das Kind sollte merken, dasss es bei Handlungen Konsequenzen geben kann.
Bei unseren Kindern wird oft von niedriger Toleranzschwelle gesprochen, idealerweise vermeidet man Stresssituationen und zu viele Reize.
Bei autistischen und ADHS-Kindern kann soziales Kompetenztraining echte Wunder erzielen, ist langwierig, aber gibt emotionale Stabilität.
Solltest Du in Wien sein, kann ich Dir die Vorträge von Frau Mag. Kerschbaumer wärmstens empfehlen! Einer ihrer Lieblingsseminare ist : "Wie gehe ich mit Agression um"
Alles Gute
Libelle
Benutzeravatar
Libelle
 
Beiträge: 1945
Registriert: Mi 20. Okt 2010, 20:21

Re: Erziehung vs adhs

Beitragvon Bippos Papi » So 27. Sep 2015, 20:33

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Bippo (2005)
Benutzeravatar
Bippos Papi
 
Beiträge: 1235
Registriert: Mi 20. Okt 2010, 20:12
Wohnort: Wien

Re: Erziehung vs adhs

Beitragvon Bine » Mi 30. Sep 2015, 10:52

Hallo, vielen Dank für eure Antworte . Am besten hat mir wohl der Satz gefallen," ab dem 6 Lebensjahr wird es besser":)
Ihr habt auch sowas von Recht, zornanfälle waren gar nie ein Thema bis zum dem Moment als ich angefangen habe streng zu werden, ihr kennt das bestimmt. Alle sagen halt ständig er sei schlimm usw, alles nur Schuld der Erziehung, seitdem ist um vieles schlimmer geworden und ich bestehe nur mehr aus schlechtem gewissen!
Es ist echt zum verzweifeln!!!
Wir fangen jetzt Verhaltenstherapie an, kann mir einer vielleicht etwas positives dazu sagen.
Bzw besteht überhaupt Hoffnung, dass sich die hyperaktivität etwas legt?
Wie ist das bei euren Kindern in der Schule?
Und wie kommt in unstrukturierten Situationen klar, zB einkaufen, Besuch usw.
lenk ihr eure Kinder da ständig ab?
Wenn wir Besuch bekommen ist es bei uns echt heftig!! Nur kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es gut ist
Niemanden mehr einzuladen oder irgendwo hinzugehen!
Ich hoffe echt, dass es sich mit zunehmenden alter verbessert!!
Das wäre schön
Danke euch
Lg aus der steiermark
Bine
 
Beiträge: 5
Registriert: Sa 12. Sep 2015, 18:44

Re: Erziehung vs adhs

Beitragvon Libelle » Do 1. Okt 2015, 12:16

Hallo Bine, wer macht die Verhaltenstherapie? Eine Psychologin oder ein Verein?

Aus meiner Erfahrung kann sich die Hyperaktivität des Kindes mit den Jahren legen. Unsere Kinder brauchen viel Bewegung und Sport, das bringt sie runter. Und mach Dir keine Vorwürfe, Du machst das Beste aus der Situation. Unsere Kinder sind so wie sie sind, aber haben sehr viel potential und enorme Kreativität. Und das sollte man fördern, damit sie auch ein Erfolgserlebnis haben. Viele unserer Kinder leiden an Minderwertigkeitsgefühle, weil sie spüren, dass sie anders sind. Soziales Kompetenztraining und strukturierter Tagesablauf können das Selbstwertgefühl stärken.

Was uns sehr hilft, ist den Tagesplan gemeinsam mit dem Kind zu gestalten. Es ist vorbereitet und kann viel besser mit der Situation umgehen. Wir respektieren auch den Wunsch des Kindes, wenn er etwas nicht will oder mag. Es funktioniert sehr gut, wenn wir uns mit kleinen übersichtlichen Gruppen treffen, wo das Kind nicht mit Reizen überflutet ist.
Benutzeravatar
Libelle
 
Beiträge: 1945
Registriert: Mi 20. Okt 2010, 20:21

Re: Erziehung vs adhs

Beitragvon Bine » Sa 3. Okt 2015, 19:40

Hallo, danke für Antwort! Die Therapie macht ein Psychotherapeut, der gleichzeitig Leiter eines Heiloädagogischen Kindergartens ist. Im Pflichtjahr wird mein Sohn dann dort einen Platz haben.
Wir hatten auch Ergotherapie, aber ehrlich fand ich das zwar nicht schlecht und mein Sohn hatte riesen Spaß aber
Wirklich gebessert hat sich das Hauptproblem nicht.
Unser Alltag ist schon sehr faszinierend, er ist tagelang bzw Zuhause immer vollkommen unauffällig.und dann geht man mit ihm einkaufen oder zur Post... und es ist unglaublich wie sich plötzlich alles verändert. Solange man ständig auf ihn fokussiert ist ist alles gut, nur wehe ich rede mit jemandem, wenn auch nur eine Minute, es ist unmöglich.
Wie kriegt ihr solche Situationen hin? Situation wo die Struktur für kurze Zeit weg ist?
Bzw womit lenkt ihr eure Kinder ab? ich versuche ihn mit Lob bzw Belohnungen dazu zu bringen kurz mal ruhig zu sein, aber es ist echt sehr schwer!! Habt ihr vielleicht Tipps?
Würde mich freuen!
Ein schönes Wochenende
Bine
Bine
 
Beiträge: 5
Registriert: Sa 12. Sep 2015, 18:44

Re: Erziehung vs adhs

Beitragvon Libelle » Fr 9. Okt 2015, 16:14

Hallo Bine,
Ich glaube, es gibt keine Standartrezepte,
Ich habe Schreiduelle geführt, weil ich als unfähige Mutter bezeichnet wurde, als mein Kleiner auszuckte... Mit den Jahren ist es viel besser geworden, jetzt haben wir kein Problem damit.
Was jetzt hilft, ist Stoßzeiten zu vermeiden und einkaufen, wenn nicht zu viel los ist. Wenn alles gut läuft, bekommt P. immer eine kleine Belohnung. Er darf sich umgehend was im Super Markt aussuchen, oder er darf auch eine kleine Lieblingsspeise bekommen.
Wenn er diesen Tag hyperaktiv ist, bitte ich meine Freundin oder Mutter, dass sie kurz auf ihn aufpassen, damit ich in Ruhe einkaufen kann.
Benutzeravatar
Libelle
 
Beiträge: 1945
Registriert: Mi 20. Okt 2010, 20:21


Zurück zu Plauderecke

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 4 Gäste

cron